Ólafur Arnalds ist ein Prophet – For Now I Am Winter

Auf Ólafur Arnalds bin ich aufmerksam geworden kurz bevor ich im letzten Jahr nach Island, seinem Heimatland, gereist bin. Und ich war damals und bin immer noch dankbar dafür. Denn seine Livingroom Songs konstruieren nicht nur im Wohnzimmer eine bezaubernd ruhige und gleichzeitig bewegend offene Atmosphäre, so dass die sieben Stücke nicht nur in der guten Stube, sondern auch auf der isländischen Ringstraße, umtost von Wind und Regen, wie ein perfekter Soundtrack wirken.

Wieso ist denn der Ólafur jetzt ein Prophet, sagt Ihr?! Tja, er hat ein neues Album herausgebracht und das heißt: „For Now I Am Winter“. Das hat er schon vorher wissen müssen, dass selbst in den Bundesdeutschen Niederungen noch bis in den April hinein Schnee fällt und Temperaturen herrschen, die zurzeit bestimmt noch nicht einmal von Island unterboten werden können. Warum sonst sollte er die VÖ auf den März legen und von Winter singen?!

Auf „For Now I Am Winter“ herrscht Kühle vor. Piano kombiniert mit Elektronika und Streicherflächen, die sich wie knisterndes und knackendes Eis anfühlen. „Sudden Throw“, der erste Track, führt direkt in Arnalds‘ Interpretation vom Winter ein – düster und leise. -Cut- „Brim“, zweiter Track, Minimal Music à la Steve Reichs „Violin Phase“ mit elektronischem Soundgefrickel, das in Island spätestens seit der Elektrokombo „FM Belfast“ zum legitimen Standardelement geworden ist. Es beginnt hektisch mit Streichern, öffnet sich mit der Elektronik und wird laut, um dann vom Piano begleitet in einer Rauschwolke zu verschwinden. Ein richtig strenger Wintersturm.

Spricht man eigentlich noch von Single-Auskopplungen? 😉 Wenn ja, dann wäre „For Now I Am Winter“ die heiße (oder kalte) Single aus dem Album. Was ist das Besondere an dem Track? Ólafur singt persönlich und das sogar mehrstimmig. Laut Arnalds ist der Track ein Statement, das auf unser Dilemma aufmerksam machen soll, dass wir häufig nicht an ein Leben nach dem Tod glauben aber dennoch nicht akzeptieren wollen, dass unser Leben zu Ende ist, wenn es zu Ende ist. Solche Art von transzendentaler Philosophie ist man von den Vulkanbewohnern ja gewohnt 🙂

Für mich ist „Old Skin“, Track Nummer 9, die Nummer eins auf dem Album. Nicht nur wegen der Musik sondern auch wegen der erneut mythischen Einflüsse. Das Lied erzählt eine Geschichte aus der alte ozeanische Mythologie, wonach eine Schlange ihre alte Haut abwarf um sich zu verjüngen. Das hat aber Kinder, die das gesehen haben, verschreckt. Deshalb entschied sich die Schlange dazu, die alte Haut wieder anzunehmen. Sie tat es der Kinder wegen, trotzdem sie deshalb früher sterben würde. Eine wunderbare Geschichte und was zum Nachdenken.

Einflüsse. Über Einflüsse ist schon viel geschrieben worden. Es muss ja auch immer irgendwie eingeordnet werden, wenn es um Musik geht, die noch nicht einem breiten Publikum bekannt ist. Deshalb benenne ich Euch mal meine Schubladen: Philipp Glass – klar. Minimal Music und sich leicht änderne Patterns, häufig mit Piano. Steve Reich – same here, aber der verstärkte Einsatz von Streichern. Clint Mansell (Boah wer? – Der Komponist, der den Soundtrack von „Requiem for a dream“ geschrieben hat) – Soundtrack-Stil – wiederkehrende Elemente und Motive – Einsatz von organischen Harmonien und zerstörerischem Elektrogestampfe. Johann Johannsson – auch Isländer 😉 – verwendet die gennannten Stile ähnlich.

Schublade zu. Immerhin hab ich drei mehr aufgemacht als alle anderen Reviewer…

Zum Vinyl selber kann ich noch nichts sagen, weil mir zurzeit nur die CD vorliegt – aber soviel kann ich sagen: „For Now I Am Winter“ ist DER Soundtrack für jeden Winter und diesen Frühling. Genau wie die „Livingroom Songs“ eignet sich das Album für zu Hause und für die Ringstraße rund um Island. Kann ich sowieso nur empfehlen.

 

Ólafur Arnalds – For Now I Am Winter – Vinyl

Ein Winter-Soundtrack der ersten Klasse

Arnalds‘ neuste Veröffentlichung kommt mit Gesang. Zum ersten Mal auf einem seiner Album kommt seine typisch skanidnavisch zerbrechliche Stimme zum Einsatz und das könnte passender nicht sein. Ein Muß für alle Islandmusik-Liebhaber.

Rating by Marcel: 4.0 stars
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Update
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Oh jeh, da ist mir etwas durchgegangen. In meinem Artikel steht, dass Ólafur Arnalds selbst singt auf seinem Album. Richtig jedoch ist, dass Arnór Dan Arnarson zu hören ist. Arnór Dan Arnarson ist Sänger der Band „Agent Fresco“ und gibt auf „For Now I Am Winter“ ein Gastspiel. Vielen Dank für den Hinweis von ‚hop‘.

Kommentare

  1. David meint:

    Echt starke Platte! Hat Potenzial zum zeitlosen Allrounder. Wir sollten das auf Wiedervorlage setzen.

  2. Hallo,

    der Rezensent irrt leider, wenn er die Gesangsstimme Ólafur Arnalds selbst zuschreibt. Bitte den Artikel korrigieren.


    hop

  3. Hey hop,

    Du hast vollkommen Recht. Habe den Irrtum im Update behoben. Vielen Dank! Gruß, Marcel

  4. Schönes Review – leider Max Richter als Einfluss vergessen, der es bis dato am besten verstand das tieftraurige Klavier, Cello und Elektronik zusammen zu bringen.

    Großartige Platte und ich bin sehr begeistert, vorallem wegen der vielen melancholischen und depressiv wirkenden Klänge.

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